Freitag, 1. Juli 2011

Wenn Studenten Eltern werden und Kinder kriegen

In der Uni sehe ich in letzter Zeit immer häufiger Schwangere. Sie sind jung, sicher nicht viel älter als ich, und doch sind sie bald gänzlich anders. Dass wir alle Studenten sind wird bald eine der weniger Gemeinsamkeiten sein. Wenn ich sie so sehe, vermischen sich viele Gefühle in mir. Eigentlich will ich schon Kinder. Irgendwo in mir drin will ich sie sogar schon jetzt. Aber eigentlich will ich doch keine. Bereit bin ich sowieso nicht. Eine gute Mutter - ob ich die wohl wäre? Und mich selbst als Mutter sehen? Das kann ich nicht. Nicht einmal, wenn ich die Augen ganz fest zusammenkneife.

Mit gerade einmal 22 halte ich mich auch für zu jung für Kinder. Irgendwann möchte ich sicherlich welche haben, aber noch bin ich nicht bereit. Nicht mental - aber psychisch. Ich möchte meinen Kindern ein gutes Vorbild sein. Ich möchte nicht irgendwann sagen müssen "Ich möchte meinen Kindern etwas bieten, aber kann es nicht.", sondern ihnen einfach nur alles bieten können, was sie brauchen. Kinder brauchen keinen Luxus - Kinder brauchen eine sichere Familie. Eltern, die sich verstehen, ob getrennt oder nicht. Eltern, denen bewusst ist, dass ein Kind bedeutet, dass man eben nicht einfach mal egoistisch sein darf. Das höre ich ständig: "Ich darf doch wohl noch etwas für mich tun?" sagen sie. Vor allem junge Eltern, die ich bislang so kennen gelernt habe. Doch ich denke, dass genau das die falsche Einstellung ist. Denn Kinder haben sollte man dann, wenn man genau weiß, dass man eben nicht mal einfach etwas für sich tun kann. Man selbst kommt immer, wirklich immer, erst nach dem Kind. Und wer sich dessen bewusst ist und für sein Kind alles gibt, der wird später noch genug Zeit für sich finden. Die Aufgabe ist wirklich schwer. Und ich weiß, dass ich das jetzt noch nicht so schaffen kann, wie ich es gerne schaffen würde.

In diesem Beitrag wollen Wissenschaftler etwas herausgefunden haben, was viele Pädagogen wohl schon sehr lange wussten: Babies kriegen alles mit. Selbst im Bauch reagieren Babies schon auf äußere Einflüsse. Dass es draußen nicht anders ist, sondern vielmehr noch deutlicher zu erkennen, werden wohl viele Mütter auch ohne Wissenschaftler gewusst haben. Tatsächlich muss man sich aber ein bisschen in eine Lage versetzen, die Erwachsenen eigentlich völlig fremd ist. Babies sehen, hören und fühlen, aber sie verstehen nicht. Und es ist ganz fatal einem Baby zuzumuten, dass es mit Situationen, in denen eine völlige Reizüberflutung statt findet, auch nur annäherungsweise zurecht kommt.

Und nicht nur das: Babies "merken" sich solche Zustände. Sie können sich später nicht explizit daran erinnern, aber in gewissen Situationen werden gewisse Assoziationen im Gehirn hervorgerufen. Aggressionen und ähnliches mag in den Genen liegen oder nicht, aber das sie definitiv auf die ein oder andere Weise anerzogen werden, muss nicht bewiesen werden. Denn Eltern sind Vorbilder und Kinder können zwischen guten und schlechten Vorbildern nicht unterscheiden.

In meinem Elternhaus wurde meist alles auf andere abgewälzt. In Entscheidungsfragen sollte immer der jeweils andere konsultiert werden. Oder man sagte mir "Nein." und ich musste mir ein "Ja." durch Hartnäckigkeit erarbeiten. Wenn ich lange genug dran blieb, würde schon jemand "Ja." sagen. Entscheidungen zu treffen fällt mir heute recht schwer. Wenn ich gefragt werde, ob ich etwas machen will, antworte ich meist so: "Ich weiß nicht, willst du das denn machen?" Werde ich zu einer Antwort gezwungen, so kommt es vor, dass ich einfach irgendetwas sage und später gestehen muss, dass ich eigentlich doch das andere hätte sagen sollen.

Zu Hause gab es eigentlich nie einen geregelten Alltag: jeder kam zu anderen Zeiten nach Hause, jeder aß, wann es ihm passte, aufräumen musste meist nur einer, nämlich der, der gerade etwas Zeit hatte. Es kochte, wer Hunger hatte, den Müll brachte raus, wer es gerade nicht vergessen hatte. Auf mein Zimmer musste ich nicht allzu sehr Acht geben: ich sollte zwar oft aufräumen, wie gut wurde aber eher nicht kontrolliert und ein Nicht-Aufräumen war auch nicht unbedingt mit harten Konsequenzen verbunden. Denn eigentlich hatte auch niemand Zeit, zu kontrollieren. Auch beim Wohnungsputz gab es keine klaren Richtlinien: mal war es Boden wischen, mal Staubsaugen, dann wiederum nur die Spülmaschine ausräumen oder die Wäsche in die Waschmaschine tun. Den Boden musste ich nur in der Diele und der Küche wischen, Staubsaugen dann mehr im Wohnzimmer und in meinem. Die Zimmer meiner Eltern überließ ich ihnen, so, wie sie es wollten. Auch sagte mir niemand, wann ich das Bad wischen sollte. Das meiner Eltern machte ich nur, wenn man es mir sagte, mein eigenes in eigenem Ermessen. Nie putzten wir zusammen, nie alles auf einmal. Immer waren es nur Bruchstücke. Und wenn ich mal nicht aufräumte, blieb halt alles liegen.
Wenn ich heute in meiner Wohnung aufräumen muss, dann fällt es mir sehr schwer, mich nach meinem Lebenspartner zu richten. Nicht nur, dass ich es nicht gewohnt bin, an einem bestimmten Wochentag aufzuräumen, ich bin noch nicht einmal in der Lage, meine Tätigkeiten einfach den seinen an zu passen. Ich bin mehr oder weniger darauf angewiesen, dass er mir sagt, was ich tun soll. Ich bin ein gewisses Chaos gewöhnt: was für mich noch völlig normal erscheint, stört meinen Lebenspartner gelegentlich.
In Sachen Körperhygiene wurden mir allerdings deutlich mehr Regeln anerzogen: die Zehzwischenräume muss man gut abtrocknen, regelmäßig den Dreck unter den Fingernägeln entfernen, nachdem man Fleisch zubereitet hat, sollte man sich die Hände desinfizieren... Auch mit diesem "Marotten" kommt nicht jeder klar.

Bei uns wurde oft gestritten. Leider fiel dabei auch oft mein Name. Als Kind war ich daher überzeugt, dass es bei den Streitereien oft um mich ging. Und das machte mich traurig. Wenn ich mich heute streite, bin ich sehr verletzlich. Ich komme nicht gut ohne Streitereien aus. Meist ist es nichts ernstes und auch der Grund ist oft sehr trivial, aber irgendetwas in mir zwingt mich, daraus einen Streit zu "provozieren". Und dennoch gehe ich aus den Streitereien meist als Verlierer heraus. Ich beginne Streits, von denen ich weiß, dass sie mich am Ende selbst verletzen. Warum ich das tue, weiß ich nicht. Es ist fast wie ein Zwang, mich selbst schuldig zu fühlen. Das klingt etwas unnormal, aber ich denke, ich habe es gut im Griff. Denn ich bin auch ein Mensch, der sich versöhnen will. Egal, ob ich einen Streit anfange oder nicht, fast immer bin auch ich es, die sich zuerst Entschuldigt und den Streit zu schlichten versucht.

Meine Mutter rauchte. Während der Schwangerschaften mit mir und meiner Schwester hatte sie stets aufgehört (sehr löblich!), aber nachher immer wieder angefangen. Wegen ihren Freundinnen, sagt sie heute. Weil sie immer gemeinsam raus gegangen sind. Und draußen wurde geraucht. Sie hörte vor einigen Jahren auf. Sie und ihre Freundinnen sahen sich immer seltener: die einen waren weggezogen, die anderen einfach zu beschäftigt. Wieder andere hatten andere Wege eingeschlagen. Und so blieben am Ende nicht viele, mit denen man hätte rausgehen können. Und so blieben am Ende einfach immer alle im Wohnzimmer. Und da hatte es sich mit der Zigarette. Mein Vater hatte aufgehört noch bevor er meine Mutter getroffen hatte (ebenfalls sehr löblich), aber das ist eine andere Geschichte.
Meine Schwester ist einige Jahre älter als ich und ihre Pubertät fiel genau auf den Zeitraum, in denen die Freundinnen noch sehr rege den Balkon aufsuchten. Im Sinne dieses Frauentreffs hatte auch sie sich eine kleine Gruppe von Freundinnen gesucht, mit denen es sich gut rauchen ließ. Leider nicht immer draußen. Zu meinem größten Bedauern musste damals häufig mein eigenes Zimmer herhalten, denn dort stand der zweite Computer. Der, den wir Kinder benutzen durften. Der, worauf sich alle Spiele befanden.
Meine Pubertät hingegen fiel auf den Zeitpunkt, in dem meine Mutter gerade aufgehört hatte, zu rauchen. Sie hatte mir den Grund dafür erzählt und dafür bin ich sehr dankbar.
Auch ich habe es mal mit dem Rauchen probiert. Mehrmals sogar. Zum Glück immer wieder erfolglos. Ich probierte es mit der einen Freundin, dann mit der anderen. Und wieder einmal mit einigen weiteren Freunden. doch kaum war ich alleine, da wirkte die Zigarette völlig fremd auf mich. Unbewusst wurde mir klar, dass es sich nur um Gruppenzwang handelte und es mir eigentlich keinerlei Spaß machte. Und so bin ich bis heute Nichtraucher. Ohne es wirklich zu wollen. Es hätte anders laufen können. Es hätte fast schon anders lauen müssen, angesichts der Tatsache, dass ich es so oft probiert hatte. Aber es sollte nicht sein. Ich hatte eben niemanden, der mit mir raus ging.

In manchen Situationen höre ich den Satz "Manchmal bist du echt wie deine Mutter". Ein Satz, den ich lieber nicht hören möchte. Nicht, weil ich meine Mutter nicht mag, sondern weil ich nicht dieselben Fehler machen möchte. Dennoch mache ich sie. All das, was ich so oft an meiner Mutter bemängelt habe, wiederhole ich auf gewisse Weise selbst. Und es macht mir schon ein wenig Angst zu wissen, dass meine Mutter einen doch so großen Einfluss auf mich gehabt hat. Einen Einfluss, dem ich mich nicht gänzlich entziehen kann, gleich, wie sehr ich es versuche.

Und auch gerade deshalb bin ich noch nicht bereit für Kinder. Zum einen muss ich lernen, dumme Angewohnheiten abzulegen. Zum anderen muss ich lernen, dass ich nicht alle ablegen kann. Und zu guter letzt muss ich auch akzeptieren, schon jetzt, dass ich meine Kinder nicht werde davor bewahren können, dass sie auch schlechte Charaktereigenschaften von mir annehmen werden. Ich sollte vielmehr versuchen, die guten eben noch besser zu machen. Denn obwohl man die schlechten schneller erkennt, eignet man sich auch die guten an, man merkt es vielleicht nur nicht sofort.

Kommentare:

  1. Grundsätzlich stimme ich dir zu, dass die Kinder zu erst kommen und dann die eigenen Bedürfnisse, aber Eltern müssen sich nicht für ihre Kinder vollends aufgeben, weil sie nur noch für ihre Kinder agieren. Wenn man als Elternteil sagt: "Ich habe es mir verdient, heute auch mal was für mich zu tun", dann ist das durchaus legetim. Es kommt auf die Häufigkeit an und ob man seine Kinder für seine eigenen Bedürfnisse vernächlässigt. Das darf nicht passieren, das ist ganz klar, aber sich nur nach den Bedrüfnissen seines Kindes zu richten ist eigentlich genau das Gegenteil von gut. Wie sollen Kinder denn dann lernen, dass auch andere mal an erster Stelle kommen und nicht nur immer sie? Genau diese verhätchelten Kinder sind ja gerade die Egoisten, die im Alter erstmal mühsam lernen müssen, dass es auch andere Menschen mit Bedürfnissen gibt, die erstmal erfüllt werden müssen. Daher stimme ich dir nur bedingt zu. Falls du es anders gemeint hast, bitte ich dich, dich nochmal zu erklären.

    Liebe Grüße

    Jacky

    AntwortenLöschen
  2. Hall! Freue mich so sehr, dass ich diesen Artikel gefunden habe. Tolles Thema und sehr interessant geschrieben :) Herzliche Grüße! Susie

    AntwortenLöschen
  3. @ Jacky: Ja, natürlich, Eltern müssen selbst glücklich sein, um mit ihren Kindern entsprechend umzugehen. Wenn es der Mutter schlecht geht, so geht es auch dem Kind schlecht. Mit dem hinten anstellen meinte ich sowas wie "Lieber selbst ins Kino und das Kind darf zu Hause Fern gucken" oder "Lieber eine Zigarettenpackung mehr als ein gutes Mittagessen für die Kleine".

    @ Susie:
    Freut mich, das Dir der Artikel gefällt! Darf ich Dich fragen, wie Du zu mir in den Blog gefunden hast?

    AntwortenLöschen