Donnerstag, 23. Juni 2011

Initiative gegen Vorurteile

Heute möchte ich eine kleine Aktion ins Leben rufen: Meine Initiative gegen Vorurteile.

Jeder kennt gängige Vorurteile gegenüber bestimmten Menschengruppen und jeder hat welche. Auch ich erwische mich ab und an dabei, wie ich Menschen sehe und denke "Der ist bestimmt..." oder "Wer so etwas trägt, muss doch...". Aber solange Vorurteile nicht zum Leitfaden eines gesellschaftlichen Lebens werden, also solange man sich nicht soweit von Vorurteilen leiten lässt, dass man Menschen erst gar keine Chance gibt, einen eines anderen zu belehren, sind Vorurteile nicht völlig falsch. Denn Vorurteile können auch davor schützen, nicht all zu naiv an Dinge heranzugehen, sich nicht von anderen "einlullen" zu lassen und bei Begegnungen mit Fremden mit einer gewissen Vorsicht vorzugehen.

Leider nehmen viele Menschen Vorurteile sehr ernst und auch die Medien machen keinen Halt davor, diese für mehr Leser oder Einschaltquoten zu nutzen. In Serien und Talkshows sieht man immer wieder Menschen, die oft unwissend in ein bestimmtes Licht gerückt werden, damit sich der Zuschauer darüber amüsieren kann. Zeitungen (hierzu könnt ihr meinen Beitrag zu einem Artikel bei spiegelonline lesen) berichten über "Figuren" und nicht über Menschen. Neulich habe ich im Fernsehen den Beitrag "Wer feiert besser: Die Goths oder die Schlagerfans?" gesehen. Die Vergleichspunke waren natürlich sehr stereotyp, absolut nicht repräsentativ und auffällig stark auf einen positiven Ausgang der Schlagerfans ausgerichtet. Interviewt wurden auf Seite der Goths nur die wirklich "schräg" gekleideten, ihre Antworten merklich zurecht geschnitten und an eine Stelle gesetzt, an die sie gerade "passen". Auf Seite der Schlagerfans wurden selbstverständlich nur die richtig betrunkenen und "kamerageilen" gefilmt, mit Antworten, die die überragende Kommunikation und den riesigen Spaß auf dem Fest "verdeutlichen" sollen - eben ganz dem Vorurteil entsprechend: "no drink no fun".
Keine der Seiten wurde gerecht wiedergegeben. Und das Fazit ist, dass Vorurteile weiter bestehen bleiben.

(Jemand hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass ich vielleicht erwähnen sollte, warum mir diese Aktion so wichtig ist. Schließlich beginnt man eine solche Initiative nicht einfach so, sondern aus Beweggründen. Ich wollte das zuerst nicht schreiben, weswegen auch immer. Aber letztendlich wäre es auch etwas unfair, von Euch zu verlangen, dass Ihr Eure Geschichte preisgebt, während ich Euch meine vorenthalte. Hier also meine Geschichte über Vorurteile.)
Auch ich musste schon mit einigen Vorurteilen kämpfen: lange war man nett zu mir, doch kaum wusste man, dass ich Ausländerin bin, wars vorbei mit der Freundlichkeit. Habe ich mich binnen weniger Sekunden denn so sehr verändert? Das glaube ich nicht. Die anderen aber schon. Das war eine sehr negative Erfahrung, da ich noch sehr jung war und damit noch nicht so gut klar kam.
Dann gab es da noch diese eine Situation in der Schule. Man begann, über mich zu reden. Eines der Mädchen hatte etwas schlechtes über mich erzählt und das Gerücht verbreitete sich wie ein Laubfeuer. Wochenlang wurde ich von Mitschülern gehänselt und von besagter Mitschülerin sogar gemobbt. Es war wirklich nicht schön, aber ich versuchte, stark zu sein. Dann kamen die Sommerferien und das neue Schuljahr. Und das warten hatte sich gelohnt. Besagte Schüler war sitzen geblieben (seit dem glaube ich an Charma) und die anderen Schülerinnen waren reifer geworden. Sie sprachen mich an, wir redeten, fanden gemeinsame Themen... Und dann kam der Satz, der alles änderte: "Du bist gar nicht so, wie *** gesagt hat. Du bist eigentlich voll cool." Vorurteile sind also nicht bindend. Man kann sie bei Seite schaffen.
Mich haben diese Erfahrungen insofern beeinflusst, dass ich versuchen wollte, möglich unvoreingenommen an Menschen heranzugehen. Sicher, betrunkene Männer machen mir nachts auf dunkler Straße immer noch Angst und wenn ich eine Frage habe und vor mir sitzt eine lächelnde und eine mürrische Person: dann frage ich wahrscheinlich eher die lächelnde. Aber wenn mich jemand etwas fragt, gleich, wie er guckt, dann höre ich zunächst zu. Wenn mich jemand auf einer Party anspricht, ob mit Brille, schiefen Zähnen, altmodischer Kleidung oder Pickeln: ich höre zu. Denn nur dann kann ich erfahren, wer hinter der Fassade steckt.

Und genau darum geht es mir. Ich möchte, dass Menschen erkennen, dass jeder eine Chance verdient. Man kann Vorurteile haben, aber man sollte jedem die Chance geben, sie zu wiederlegen.

Mit dieser Initiative möchte ich dazu aufrufen, über Vorurteile aufzuklären (nicht nur, welche falsch sind, sondern auch, welche stimmen). Es soll keine reine "Ich bin nicht so, wie alle denken"-Aktion werden, sondern mehr eine "Ich bin genau so: mit diesen und ohne jene Vorurteile"-Aktion. Denn ich möchte weder bestehende Vorurteile pushen, noch durch überspitzte und scheinbar gestellte Meinungen neue Vorurteile wachsen lassen. Ich möchte versuche, ein klares Bild zu schaffen.

Wir alle gehören zu einer bestimmten Gruppe Menschen und wir alle passen in bestimmte Klischees und widersprechen anderen.

Mir schwebt kein konkretes Vorurteil vor und ich möchte auch keine "Gruppe" bevorzugen. Mögliche "Gruppen" können Migranten sein, Menschen mit Über- oder Untergewicht, Anhänger verschiedener Musik- und/oder Lebensstile, Frauen mit "einem bestimmten Ruf" ("Tussies" oder "Dramaqueens"), Männer "mit einem bestimmten Ruf" ("Machos" oder "Weicheier"), Menschen, die einen bestimmten Beruf haben, der mit Vorurteilen (z. B. man sei dumm, man könne sonst nichts, hätte nichts richtiges gelernt etc.) verbunden ist, Homosexuelle, Arbeitslose und und und. Jeder, der mit Vorurteilen zu kämpfen hat und dies mitteilen möchte, ist herzlich willkommen, dies hier zu tun!

Ich suche im Rahmen dieser Initiative Menschen, die mit Vorurteilen im Zusammenhang stehenden "Gruppen" (z. B. die o.g.) angehören oder Menschen, die aus anderen Gründen mit Vorurteilen zu kämpfen haben und ihre Geschichte erzählen wollen. Menschen, die nicht nur Vorurteile aus der Welt schaffen, sondern sich auch zu bestimmten Klischees bekennen wollen. Menschen, die ehrlich über ihre Zugehörigkeit zu einer "Gruppe" und über ihre eigenen Vorurteile gegenüber anderen sprechen können.

Wenn genügend "Willige" zusammenkommen, möchte ich versuchen, ausgewählte Berichte in der Zeitung zu veröffentlichen bzw. in verschiedenen, von mir als unabhängig und vertrauenswürdig genug befundenen, Medien auf diese Aktion aufmerksam machen. Ihr solltet mir also mitteilen, wenn Ihr mit einer Veröffentlichung außerhalb dieses Blogs nicht einverstanden seid oder bestimmte Restriktionen habt.
Niemand wird dazu gezwungen und ich werde auch keine Daten weitergeben, die ausdrücklich nicht weitergegeben werden sollen!

Wer mitmachen und seine Geschichte, Erfahrungen und Denkanstöße mitteilen möchte, möge mir folgendes schicken:

- Euren Beitrag (zum Inhalt weiter unten)
- Vor- oder Spitzname (unter dem ihr genannt werden wollt, keine "Fantasienamen" wie z. B. King of Desaster)
- ein Foto (Euer Gesicht kann, muss aber nicht zwangsläufig erkennbar sein - Ihr könnt es verdecken oder einfach nicht mitfotografieren - Fotos, die in irgendeiner Weise zeigen, um welche Vorurteile es geht (Kleidung, Gegenstände, Orte) sind ebenfalls legitim - die Fotos müssen Euch gehören; es dürfen keine provozierenden, pornografischen, beleidigenden oder rechtswidrigen Fotos eingereicht werden, falls doch, wird die E-Mail sofort gelöscht)
- eine gültige E-Mail-Adresse, falls sie von der Senderadresse abweicht
- optional können auch weitere Fotos mitgeschickt werden, die Euch in Eurer Umgebung zeigen

Der Inhalt
folgende Fragen sollte Euer Beitrag beantworten:

- Zu welcher "Gruppe" gehörst Du?
- Welche Vorurteile gegenüber dieser "Gruppe" oder Dir im speziellen kennst Du bzw. sind Dir begegnet?
- Welche sind wahr, welche sind falsch?
- Wie stehst Du dazu?
- Welche Vorurteile hast Du und gegenüber wem?
- Wie ernst sind Dir Vorurteile bzw. wie sehr beeinflussen sie Dich?
- Was möchtest Du der Welt bezüglich Vorurteilen mit diesem Beitrag mitteilen?

Schickt mir Eure Beiträge inkl. Anhang (bitte keine zu großen Bilder) an diese Adresse. Wer Spam verschickt wird sofort geblockt und kann nicht mehr an der Aktion teilnehmen.

Meinungen zu dieser Aktion und Verbesserungsvorschläge, aber auch Fragen zur Initiative gehören in die Kommentare.

Ich bin gespannt auf Eure Beiträge und hoffe, damit ein Stückchen mehr zur Aufklärung über "Gruppen" zu verhelfen.

Toni

Kommentare:

  1. Ich habe mir mal erlaubt ein wenig Werbung für deine interessante Aktion zu machen. Zwar zähle ich mich nicht unbedingt zu einer Randgruppe doch wenn du einem Menschen ein paar Fragen stellen willst der gegen Vorurteile ist und stets verscuht tolerant und offen den Menschen zu begegnen bist du bei mir richtig ;)

    Hier der Link zu meinem Artikel:
    Initiative gegen Vorurteile

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  2. Das ist wirklich super, vielen Dank! Du darfst natürlich gerne einen Beitrag einsenden, wenn es etwas gibt, was Du zu dem Thema zu sagen hast. Es kann auch eine Geschichte aus dem Bekanntenkreis sein.

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  3. Und wenn Du Wasser hast, können wir Oblaten backen! Ich schwanke gerade zwischen: das ist ein Kompliment, wie "Du hast Chuzpe!" und "Du hast Mail" als Abwandlung von "You have Mail"... Oder ist es etwas völlig anderes? :)

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  4. Ich finde die Initiative gut und werde mal einen Artikel dazu schreiben. Als Kind und Teenager haben die Vorurteile meiner Mitmenschen mich schon verletzt, ich bin zur Hälfte Zigeunerin und außerdem noch in Heimen und Pflegefamilien aufgewachsen. Heute als Erwachsener macht mir das nichts mehr aus, man reift eben mit der Zeit. Vorurteile ignoriere ich heute einfach, das nimmt den meisten den Wind aus den Segeln.

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  5. Ich freue ich darauf, ihn zu lesen! Ich habe Zigeuner noch nie persönlich kennen gelernt. Die meisten sprachen mich auf der Straße nach Geld an oder wollten mir etwas verkaufen, ließen auch nicht locker, sodass ich mittlerweile einfach nur noch stumm an ihnen vorbei gehe (früher habe ich noch freundlich gefragt, wie ich helfen könne).
    Und mir geht es da ähnlich wie Dir: jetzt, wo ich erwachsen bin, prasseln die meisten Dinge an mir ab oder ich reagiere "selbstironisch" und lache einfach darüber.

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  6. So, Artikel ist online, ist natürlich ein sehr persönlich angehauchter Artikel, wenn's nicht stört. Trackback ist abgeschickt, ich weiß aber nicht ob das mit Deinem Blog funktioniert.

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