Dienstag, 14. Juni 2011

Gefunden: Die Gothic-Schublade

In diesem Post beziehe ich mich auf folgenden Artikel, gefunden bei Spiegel.de.

In letzter Zeit häufen sich Berichte über die Gothic-Szene (bei Spiegel.de heißt es Gotik). Wie mit so vielem wird über die Szene nicht einfach "nur" berichtet, sie wird "gehypt", zu einer "Story" im journalistischen Sinn gemacht.
Vielen ist dabei nicht klar, dass Journalisten, aber vor allem die Medien, nichts anderes wollen. Der große Nachteil aller Medien ist, dass sie Informationen aus zweiter Hand anbieten: Informationen können selektiert, abgeändert, in rechte Licht gerückt oder einfach "zweckentfremdet", also aus dem eigentlichen Kontext heraus genommen und in einen anderen hinein gesteckt werden. Leider entsteht auch bei Nachrichtensendungen immer mehr das Gefühl, dass ein gewisses Konkurrenzdenken besteht: wer hat die besten, spektakulärsten, einzigartigsten, intrigantesten, beeindruckendsten Nachrichten in seiner Sendung? Und es wird gesendet. Dabei passiert in der Welt zwar viel, aber bei weitem nicht so viel Spektakuläres, wie es den Eindruck vermitteln soll. Und viel zu häufig gehen die kleinen bedeutenden Ereignisse im Getümmel des vermeidlich Großartigen unter.

Im o.g. Artikel geht es um das Wave-Gothic-Treffen, das schon seit 20 Jahren jährlich stattfindet.
Gezeigt werden natürlich nur die in der Kategorie "sonderbar" einzugliedernden Goths: die mit den schrägsten Outfits, Frisuren, Gesichtern. Und die Gothic-Szene will sich präsentieren: vielen geht es schließlich genau darum - das hervorstechendste Gesamtpaket zu liefern. Dass es dabei nicht zwangläufig um "schräge" Kostümierungen geht, ist letztendlich Ansichtssache.

Besonders gefallen hat mir das vierte Bild in der Fotostrecke: ein Mann in punkigen Klamotten lehnt an einen Zaun, auf dem ein Schild mit der Beschriftung "Müllsammelstelle" angebracht ist: Kaum vorstellbar, dass das nicht gewollt war - ich frage mich, ob der junge Mann das Bild je zu Gesicht bekommen wird. Hoffentlich nicht.

Schaut man etwas weiter, entdeckt man viele Bilder von Frauen in Kleidern: üppige, enge, altmodische, kreative, schwarze, bunte, mit passenden Hüten oder Schirmen gepaarte... Was häufig nicht erwähnt wird: viele dieser Kleider sind selbstgemacht. Und so "ungewöhnlich" sie im ersten Moment auch wirken mögen, gelenkt durch viele, platzierte Wörter in diversen Artikeln und Berichten, wie viele von uns "normalen" Menschen können behaupten, dass sie Kleider solcher Komplexität fertigen können? Dass sie überhaupt tragbare Kleider fertigen können?
Vor einigen Jahren bin ich auf meinem Nachhauseweg an einer ähnlichen Veranstaltung vorbei gekommen. Es waren viele wirklich gelungene, aber auch viele eher provisorisch und zusammen geworfen wirkende Outfits dabei. Hinter mir hörte ich jemanden sagen "Man, wie kann man sowas tragen, ist doch voll peinlich."
Über diese Worte habe ich nachgedacht: warum finden viele solche Kleidung und Aufzüge peinlich? Sind sie dreckig? Nein. Sind die alt? Nein. Riechen sie? Höchstens nach Farbe und Schweiß, aber da habe ich schon Schlimmeres gerochen. Aber was ist es dann?
Wenn man Anhänger von Szenen, in denen ungewöhnliche Kleidungsstile praktiziert werden fragt, so antworten die meisten, sie lebten ihre Persönlichkeit so aus, sie definierten sogar ihre Persönlichkeit über ihr Äußeres. Aber tun wir das nicht alle? Wir tragen das, was uns die "Mode" vorlebt oder tragen absichtlich das, was eben nicht "modern" ist. In jedem Fall folgen wir aber alle einer Richtung. Einige orientieren sich an den hippen Läden der Einkaufsmeile, andere kleiden sich eher schlicht, wieder andere schwören darauf, dass es anders sein sollte (was aber ist "anders"?) und dann gibt es natürlich noch die Stars aus Hollywood, die vielen Tag für Tag vorleben, dass nur Extravaganz die einzige und wahrhaftige Mode ist.

Die Journalisten beim Spiegel scheinen durch Schlauchtoupes und Gasmasken beeindruckt zu sein, aber wer sich die Modeschauen der ganz großen und auch weniger Großen mal anschaut, die Show derjenigen, die für so viele als absolute Vorbilder in Sachen mode und Styling gelten, wird feststellen, dass auch die schon jegliche Absurditäten ausprobiert haben, da sind Schläuche und Gasmasken noch ein Witz gegen.

Meine Erfahrung mit Menschen aus der Gothic-Szene ist folgende:
Ja, sie tragen viel schwarz. Und ja, sie neigen dazu, komische Outfits zu tragen. Und ja, sie hören wirklich sonderbare Musik, die ich eher in Horrorfilmen vermuten würde. Was stellt dem die "normale" Welt gegenüber?
Die junge Durchschnittsfrau trägt enge Röhrenhosen, Ballerinas oder Pumps, Tanktops und Viskosejäckchen in den aktuellen Trendfarben rose und dunkelblau. Und wer behauptet, kein schwarzes Kleidungsstück im Schrank zu haben, muss lügen. Und wer keine Jeans hat, ist auch nicht "normal". Geht mal raus und guckt euch um: wie viele tragen Dinge, die ich oben genannt habe?
Und wie sieht das bei Männern aus? Ich denke, ihr werdet alle eine Antwort parat haben.
Und die sogenannte Mainstream-Musik: Kreativität sieht anders aus und hört sich anders an.
Glücklicherweise setzen sich von Zeit zu Zeit auch Künstler durch, die diesen Titel auch verdienen. Nehmen wir Lady Gaga: man mag über ihren Sinn für "Fashion" streiten, auch ihre Musik ist oftmals kontrovers und zensurlastig. Dennoch bringt sie warmen Wind in die eingefrorene Musikszene und weckt unter Konkuzzentinnen den Ehrgeiz, wieder richtige Musik zu machen.

Ich gebe zu: auch ich trage gerne Röhrenjeans und Tanktops und Jäckchen. Und ich schalte beim Kochen meist auf Einslive. Ich mag nicht jedes Lied von Lady Gaga, Rihanna und so. Ich höre nicht plötzlich gerne "Rockmusik", nur weil Billy Talent grad in ist. Ich trage keine Schläuche und Masken im Alltag, in meiner Freizeit jedoch kommt dies tatsächlich mal vor! (Im Theaterstück, das wir gerade vorbereiten, tragen wir weiße Schutzanzüge und Gasmasken)
Und ich finde viele der Kleider, die in der Gothic-Szene getragen werden, wirklich beeindruckend und zwar im positiven Sinn!
Auch ich lebe auf verschiedene Weisen meine Identität aus: dennoch habe ich großen Respekt vor Menschen, die es auf eine eher unkonventionelle Art und Weise tun.
Menschen, egal welcher Szene sie auch angehören, die zu dem was sie sind und was sie fühlen stehen, sind mir auch mit Schläuchen auf dem Kopf tausend mal lieber als welche, die, aus Angst anders zu sein, immer mit der Mehrheit gehen.

"Ohne Schminke verlassen sie es [das Zelt] nicht - selbst nachts muss alles sitzen"
Mal ehrlich, liebe Frauen, einigen von euch geht es sicher ganz genauso so. Zwar muss ich nachts nicht geschminkt sein (meine Haut neigt zu Pickeln, wenn sie ungereinigt ist), dennoch habe ich an einigen Tagen lieber etwas Puder im Gesicht oder Conceiler auf den Tränensäcken.

"Ich musste mich überwinden, ohne Haarteile auf der Zeltplatz zu kommen."
Niemand von uns geht gerne mit fettigen Haaren aus dem Haus. Warum ist das so? Warum denken wir, fettige Haare machten uns hässlich? Warum decken wir die Pickel in unserem Gesicht lieber ab? Warum zupfen sich so viele Frauen die Augenbrauen?
Deswegen gehen einige eben nicht gerne ohne Haarteil auf eine Veranstaltung, in der sich vieles ums Äußere dreht. Um eben um ein anderes Äußeres.

Eine Freundin von mir, die früher selbst zur Gothic-Szene gehörte, löste zu Schulzeiten bei meiner Mutter größte Sorge aus: jemand der nur schwarz trägt kann doch kein guter Umgang für ihre Tochter sein!
Tatsächlich hatte besagte Freundin sogar ziemlich gute Noten in der Schule und eignete sich hervorragend als Partnerin im Physikunterricht.

Natürlich ist das nicht immer so, aber mal ehrlich: wie viele Vorurteile gegenüber anderen haben sich nicht bewahrheitet?

Also, liebe Zeitungen: schreibt mehr Artikel über die Menschen, die Identitäten hinter den Masken, die können wir nämlich auch selbst sehen!

Kommentare:

  1. Ich hab noch mal einen Tipp an den Ottonormalverbruacher, der zumindest halbmodisch und absolut "alltagstauglich" gekleidet durchs Leben läuft:

    Wenn ihr mal nach dem Weg fragen müsst und euch auf der Straße nach dem bestmöglichen "Opfer" umschaut, dann geht doch bitte einfach mal zum optisch furcheinflößensten Punk mit den meisten Nieten und dem buntesten Iro auf dem Kopf und fragt den - diese Leute sind meistens zwar überrascht, dass sie gefragt werden (genau das soll das Outfit ja verhindern) aber sie sind auch die nettesten und nicht selten auch die kompetentesten. Mache ich seit Jahren so, es klappt bisher zu 100%

    Im Gegensatz dazu sind ältere Leute meist komplett abweisend und unhöflich, wollen nicht angequatscht werden oder rennen einfach weiter... Die Alten von heut nenenene!

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  2. Absolut! Wir oben kurz erwähnt habe auch ich fast nur gute Erfahrungen mit genau solchen Menschen gemacht. Ich finde es wirklich schade, dass in Berichten immer versucht wird, Menschen, die "anders" sind irgendwie schlecht darzustellen. Diese Vorurteile nerven!

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  3. Der Haken an der Sache: Mit Vorurteilen gewürzt lässt sich eine Story besser verkaufen. Und genau darum geht es in den Medien.

    Für mehr Aufklärung zu kämpfen ist löblich, aber realistisch betrachtet ist es ein Kampf gegen Windmühlen.

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  4. Du hast sicher Recht, aber selbst wenn ich nur ein, zwei Leute überzeugen kann, hat es sich schon gelohnt. Und wenn diese ein, zwei auch nur eines ihrer unzähligen Vorurteile ablegen.

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